Denken und Fühlen

Wenn Sie Ihre Gefühle betrachten, haben Sie wahrscheinlich sehr oft den Eindruck, dass diese direkt durch bestimmte Ereignisse ausgelöst werden.
Stellen Sie sich vor, Renate hat sich ein neues Kleid gekauft und präsentiert es stolz ihrer besten Freundin Anne. Diese betrachtet es kritisch und macht einige abfällige Bemerkungen über Schnitt, Farbe und Passform. Dies kränkt Renate.
Bewundert dagegen ihr Freund Bernd das Kleid und sagt ihr, wie elegant es ist und wie gut es ihr steht, empfindet sie Freude. Auf die Frage, warum sie sich im ersten Fall geärgert und im zweiten Fall gefreut hat, wird sie auf die Äußerungen ihrer Freundin bzw. Freundes verweisen. Sie ist der Überzeugung, dass die kritischen Bemerkungen unmittelbar Ärger, das Kompliment dagegen sofort Freude verursacht.

Im Alltagsleben haben die Menschen die Tendenz, Gefühle als Wirkung bestimmter Erfahrungen anzusehen. So scheinen eine drohende Gefahr unmittelbar Angst, eine Beleidigung Wut und eine Kritik Niedergeschlagenheit auszulösen. Aussagen wie „du ärgerst mich“ oder „das macht mich glücklich“ sind Beispiele dafür.

Die Annahme, dass Personen, ihr Verhalten, Dinge und Ereignisse unmittelbar für die Gefühle eines Menschen verantwortlich sind, ist jedoch falsch.

Die Zusammenhänge sind wesentlich komplizierter. Wir wollen uns jetzt einem Modell zuwenden, das dies verdeutlicht.

Das A-B-C Modell
Der Psychologe Albert Ellis hat ein Modell entwickelt, um die Beziehungen zwischen Erfahrungen und Gefühlen darzustellen, das eine große Bedeutung für die Praxis hat und uns Hinweise darauf gibt, wie wir negative Emotionen verändern können.

Ereignisse lösen keine Gefühle aus

Das Modell umfasst insgesamt drei Stufen. Zunächst schauen wir uns zwei davon an:
A stellt das aktivierende Ereignis, dar welches das Gefühl zur Folge hat wie z.B. die kritischen Äußerungen der Freundin bzw. das Kompliment des Freundes.
C bedeutet die Konsequenz, die sich aus dem aktivierenden Ereignis ergibt.

In unserem Beispiel sind es die Gefühle der Wut oder der Freude. Dazu kommen bestimmte körperliche Empfindungen und Verhaltensweisen.
Vielleicht empfindet Renate angesichts der Kritik einen Druck im Magen und lässt Anne stehen, während sie möglicherweise angesichts des Kompliments mit Herzklopfen reagiert, Bernd anlächelt und umarmt.

Allerdings ist C nicht die unmittelbare Wirkung von A.

Interpretation des Ereignisses
Zwischen A und C gibt es ein Zwischenglied, welches das Verhalten erst auslöst. Es handelt sich um die Gedanken, die Interpretation, die A eine bestimmte Bedeutung verleihen. Erst aufgrund des Vorhandenseins von B reagiert ein Mensch auf eine Erfahrung mit einem Gefühl, besonderen Körperreaktionen und einem Verhalten.
Streng genommen antworten wir überhaupt nicht unmittelbar mit Emotionen und Verhaltensweisen, sondern die Reaktionen erfolgen stets aufgrund unserer Gedanken, welche den Erfahrungen erst eine Bedeutung verleihen.
Renates Wut wird ausgelöst durch Gedanken wie: “Die dumme Ziege hat kein Recht, mein Kleid schlecht zu machen.“ „Es ist eine Gemeinheit, so etwas zu sagen.“ „Sie ist keine wahre Freundin.“ „Sie ist hinterhältig und gemein.“
Ihre Freude wurzelt in völlig anderen Gedanken, wie z.B. „dass Bernd dies sagt, ist nett. Er ist lieb. Er achtet, respektiert und liebt mich.“

Diese unterschiedlichen Gedankenformen lösen verschiedene Gefühle, Körpergefühle und Handlungen aus.

Ereignisse lösen unterschiedliche Gefühle aus
Wir können auf ein und dasselbe Ereignis mit völlig verschiedenen Gefühlen und Verhaltensweisen reagieren, wenn wir unterschiedliche Gedanken und Vorstellungen mit ihnen verbinden.
Ein Beispiel soll diese Zusammenhänge verdeutlichen.
Stellen Sie sich vor, Bernd legt Herrn Zille, einem Vorgesetzten, einen Bericht vor. Herr Zille findet zwei Fehler und macht ihm große Vorwürfe.
Wie Bernd gefühlsmäßig darauf reagiert, hängt davon ab, was er darüber denkt. Nehmen wir an er würde denken: „Dieser dumme Hund, wegen dieser kleinen Dinge solch ein Theater zu machen. Er ist ein aufgeblasener inkompetenter Tyrann.“ In diesem Fall sind Ärger und Wut die wahrscheinlichsten Reaktionen. Würde er dagegen denken: “Um Himmelswillen, hat der mich fertig gemacht. Hoffentlich wirft er mich nicht raus. Mit einer Beförderung kann ich jetzt nicht mehr rechnen, “ dann wäre Angst die logische Folge.
Ein Gedanke wie z.B. “die Kritik ist unsachlich, aber verständlich. Der Zille steht unter Druck, ist nervös und unausgeglichen. Ist ja auch ein armer Mann, der viel am Hals hat, der von seinen Vorgesetzten und seiner Familie von morgens bis abends schikaniert wird,“ führt zu Ruhe und Gelassenheit.

Das A-B-C Modell hat folgende allgemeine Form:

A das aktivierende Ereignis
B die Gedanken, Bewertungen, Interpretationen und
Erwartungen, die sich auf A beziehen.
C die Gefühle, körperliche Reaktionen und Verhaltensweisen, die sich als Konsequenzen aus B ergeben.

Die These, dass unsere Gedanken unsere Gefühle bestimmen, dass wir so fühlen wie wir denken, ist sehr alt.

“Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.“ Vor fast 2000 Jahren sagte dies der römische Philosoph Eptiket.

Gefühle, Gedanken und Ereignisse beeinflussen sich gegenseitig
Die Gefühle und das Verhalten haben Auswirkungen auf A und B. Dies können Sie bei dem Aufbau einer Angstspirale beobachten.
Stellen Sie sich vor, dass Sie unter Prüfungsangst leiden. Nehmen wir an, dass Sie in zwei Tagen eine Prüfung ablegen müssen. Die Prüfung stellt das aktivierende Ereignis A dar. Nun stellen Sie sich vor, dass Sie in der Prüfung kläglich versagen werden. Die Gedanken, die sich mit dem Scheitern befassen, gehören zu B. Diese aktivieren Gefühle wie Unruhe, Angst und dazu passende Körperempfindungen wie z.B. Druck im Kopf, Magenschmerzen, Stiche in der Herzgegend usw.
Vielleicht leiden Sie unter Schlaflosigkeit und mangelndem Appetit, möglicherweise suchen Sie Trost bei Freunden, schlucken Tabletten oder trinken mehr als Ihnen gut tut.
Das Gefühl der Angst wirkt wiederum auf das Denken ein, indem immer neue Gedanken aktiviert werden, die sich mit dem Versagen befassen und es weiter verstärken. Das Denken wird ständig weiter eingeengt und kreist ausschließlich um das Versagen in der Prüfung, was die Angst weiter steigert.
Diese Angstspirale kann unter Umständen in eine Panik hineinführen.

Gefühle wirken sich auf Ereignisse aus
Starke Emotionen können Situationen beeinflussen. Deren Interpretation haben wiederum bestimmte Gefühle zur Folge. Sehen wir uns dies an einem Beispiel an:
Nehmen wir an, Ihre Prüfungsangst wird so unerträglich, dass Sie nicht zur Prüfung gehen. Damit verschwindet das Ereignis, das Sie als drohende Gefahr interpretiert haben und infolgedessen auch die Angst.

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Dr. Birgit Zottmann
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birgit@drzottmann.com