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Die Teilpersönlichkeiten

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Unsere Motivation, ein Ziel zu erreichen, Einstellungen und uns damit zu verändern, wird von unseren Selbstgesprächen – unseren Gedanken – entscheidend beeinflusst, den inneren Gesprächen mit sogenannten Teilpersönlichkeiten. Diese haben die Kraft, Ihre Motivation zu untergraben und Sie zu demoralisieren. Damit dies auf keinen Fall geschieht, möchte ich Ihnen einige wichtige Persönlichkeiten vorstellen.

Stellen Sie sich vor, dass Sie aus vielen Teilpersönlichkeiten bestehen (das hat nichts mit Krankheiten wie Schizophrenie oder multiplen Persönlichkeiten zu tun).

Je nach Situation sind oft andere Teilpersönlichkeiten im Vordergrund. Im Büro sind es vielleicht der „Herrscher“ und der „Analytiker“, die im Vordergrund stehen. Auf dem Spielplatz mit den Kindern sind der „kreative“ und „liebevolle“ Teil im Vordergrund.

Es gibt drei Teile, die jeder Mensch in unserem Kulturkreis hat und mit Ihren Gewichtsproblemen nehme ich an, dass diese bei Ihnen gut ausgeprägt sind.

Es sind der Perfektionist, der Antreiber und der Kritiker.

Der Perfektionist
Der Perfektionist liebt den Vergleich und setzt Standards. Er liebt das Hundertprozentige. Es soll alles richtig sein. Was ist aber richtig? Der Perfektionist hat perfekte Kinder, das perfekte Auto, die perfekte Partnerin, den perfekten Partner, die perfekte Buchhaltung … und isst den perfekten Joghurt und dies gilt für alles. Und manchmal nennt man auch Perfektionisten liebevoll Korinthenkacker …

Das perfekte Auto ist ein SUV, mit einem ökologisch vertretbaren perfekten Benzinverbrauch von 5 Litern. Er hat jedes erdenkliche Zubehör und dabei ist er sehr robust. Wie früher der Käfer. Nicht kaputt zu kriegen. Ist das realistisch? Gibt es solch einen Wagen überhaupt?

Kaufen Sie einmal einen „einfachen“ Joghurt. Wir haben die Wahl zwischen mindestens 10 verschiedenen Sorten – mit Zucker, mit Fett – wie viel davon darf es sein? Der Perfektionist hat hier eine richtige Aufgabe. Was ist ein richtiger Joghurt oder ein richtiges Fernsehgerät oder Urlaubsort oder oder oder … kein Thema ist von diesem „richtig machen/sein“ befreit.

Perfekte Kinder sind artig. Sie hören auf ihre Eltern und machen, was diese sagen. Sie sind bescheiden, aber nicht zu bescheiden, sie sind höflich und wissen sich immer zu benehmen, sie können Sie überallhin mitnehmen und sie kennen Museen. Sie sehen gut aus und sind nie aufdringlich und nicht zu laut, sind aber auch nicht scheu und können sich wehren. Sie sind sehr gut in der Schule und haben früh Ziele, die sie ausdauernd verfolgen. Sie sind sportlich und auch musikalisch begabt, wollen aber kein Musiker oder Musikerin werden. Sie sind offen, aber nicht zu offen, sie sind introvertiert, aber nicht zu introvertiert, sie sind fröhlich und machen sich nie lächerlich.

Der perfekte Partner sieht, wie es uns geht. Weiß, dass wir nach der Arbeit erst einmal Ruhe brauchen. Bringt nicht nur am Muttertag und zum Geburtstag Blumen mit nach Hause, ist einfühlsam und romantisch. Kritisiert uns nicht, auch wenn das Essen nicht schmeckt. Kennt unsere Kleidergröße und bringt uns ab und zu etwas Passendes zum Anziehen mit, macht jede Diät aus Solidarität mit, ist nett zu meinen Freundinnen und Freunden und … was fällt Ihnen noch dazu ein?

Die perfekte Partnerin ist sexy, immer gut gelaunt und riecht gut. Ist freundlich und hilfsbereit, eine super Köchin, kann über jedes politische Thema mitreden, ist eine erfolgreiche Managerin, die beste Mutter für ihre Kinder und hat immer Zeit, schmust gerne und ist irgendwie immer gut drauf, sie ist gepflegt und immer dezent geschminkt, nach ihr drehen sich die Männer um und schauen mich neidvoll an, natürlich verdient sie gut, so dass wir ausgedehnte Fernreisen unternehmen können …

Der Perfektionist macht Dinge richtig und schafft ein perfektes Umfeld. Und wenn Sie jetzt meinen, dass Sie ein 100%er Perfektionist sind, haben Sie große Chancen, dieses Buch fertigzulesen (denn was man anfängt, muss man unter allen Umständen auch fertigmachen/-bringen) und Sie werden auch die Übungen machen und deshalb Ihr Leben und Ihr Gewicht verändern und vielleicht sogar ihren Perfektionisten ein wenig zügeln.

Der Antreiber
Der Antreiber hat das, was Ihr Perfektionist gutheißt, nun umzusetzen. Ist die Wohnung/das Haus schon aufgeräumt? Wann ist eine Wohnung aufgeräumt? Meine irgendwie nie, denn ich finde immer Ecken bzw. Schubladen, die nicht so sind, wie sie sein sollen und dies sieht mein Antreiber und sagt zu mir: „Mach auf, bewege dich und räume auch diesen Schrank auf. Bewege dich und schreibe dann weiter an deinem Buch, vorher gehst du aber noch für deinen Mann seinen Lieblingskäse einkaufen. Bitte ziehe dich dafür anständig an. Nicht schon wieder die alten Jeans, was sollen die Leute denken? Du sollst doch Vorbild sein und schminke dich! Wofür kaufst du dir die Sachen und trägst sie dann nicht? Auch die Betten sollten wieder einmal überzogen werden. Dein Sohn ernährt sich in der letzten Zeit so schlecht, du solltest wieder einmal etwas Gesundes kochen. Überhaupt, vernachlässigst du nicht ein wenig deine Kinder? Letztlich sagten sie dir, dass sie das Gefühl haben, du seist froh, wenn sie endlich ausgezogen sind. Zeige Ihnen also, wie sehr Sie dir am Herzen liegen und ganz wichtig für dich sind.“ Am besten, ich fange gleich mit Kochen an und schreibe eine lustige SMS.

Der Kritiker
Haben Sie schon mal was richtig gut gemacht? Der Kritiker jammert ständig an Ihnen herum. Den Standard erreichen, den der Perfektionist vorgibt – das schaffen Sie einfach nicht jeden Tag. Und jede Abweichung wird mit dem Gefühl „du hast einen Fehler gemacht“ honoriert. Der Kritiker sieht nicht das, was gut läuft – er kritisiert, und zwar ausschließlich.

Haben Sie schon einmal eine richtig aufgeräumte Wohnung mit zwei Kindern gesehen? Mein Kritiker mault gerade im Hintergrund:„Was du so alles von dir gibst. Nur weil du es nicht hinbekommst, heißt das noch lange nicht, dass andere das nicht können. Wetten wir, dass deine Schwiegermutter das immer konnte? Und warum du nicht? Bist du faul? Das geht doch gar nicht …“

Keinen Lebensbereich lässt der Kritiker aus und er geht unter die Gürtellinie, denn er kennt Sie!

In Bezug auf Ihr Gewicht könnte ein Gespräch zwischen diesen drei „Persönlichkeiten“ wie folgt aussehen:

Der Perfektionist hat in einem Modeheft die neue Jeansmode entdeckt. Slim Jeans! Und jetzt finden Sie gemeinsam mit Ihrem Perfektionisten die ideale Diät, damit diese Jeans am besten in Größe 36 auch passen. Sie wollen mindestens 8 Kilo abnehmen.

Der Antreiber macht nun Listen und beschäftigt Sie. Was dürfen Sie wann und wie essen und was auf keinen Fall? Er schickt Sie einkaufen und sagt Ihnen auch, dass ab 18 Uhr nichts mehr gegessen wird. Es gibt auch keine Ausnahmen!

Der Kritiker kommt auf den Plan, wenn er feststellt, dass Sie sich wirklich erlaubt haben, ein Stück Schokolade zu essen. Außerdem haben Sie Grapefruit und Weintrauben zusammen gegessen und das geht doch überhaupt nicht. Er ruft: „Noch nicht mal das bekommst du hin, möchte mal wissen, wofür du gut bist, jetzt hast du alles eingekauft und dann das, kein Wunder, dass du nicht abnimmst, du kriegst es einfach nicht auf die Reihe! Überhaupt, was bekommst du auf die Reihe? Du weißt genau, dass du auf dieses Fest gehen willst und alle haben diese Jeans an, nur du nicht, schäm dich, glaubst du, du kannst jemals dazugehören und Freunde finden, wenn du dich so anstellst? Man kann einfach nicht auf dich bauen, erschieß dich oder besser nimm Tabletten, dann machst du nicht soviel Dreck.“

Wenn jemand so mit Ihnen sprechen würde, würden Sie die Polizei holen. Richtig!

Jetzt hören Sie aber einmal Ihrem Kritiker zu, was dieser Ihnen schon seit Jahren einredet. Mit solch einem Kritiker brauchen Sie keine Feinde, Sie haben bereits einen und er ist immer zur Stelle, ob es Ihnen passt oder auch nicht.

Der Trotz
Wie reagieren Sie, wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie etwas tun müssten? Wenn Sie beim Lesen schon ein unbehagliches Gefühl bekommen oder wissen, dass Sie auf solch eine Aufforderung (zumindest innerlich) unwirsch reagieren, dann sollten Sie diesen Abschnitt unbedingt lesen. Falls Sie nicht wissen, wovon ich rede, können Sie diesen Abschnitt getrost überspringen.

Der Trotz ist auch eine Teilpersönlichkeit, die vielen Menschen unter bestimmten Umständen das Leben erschwert. Der Trotz tritt immer auf den Plan, wenn er das Wort „muss“ hört. Alles, was sich nur nach Befehl oder Anweisung anfühlt bzw. riecht, wird nicht nur hinterfragt, sondern regelrecht torpediert. Dies geschieht automatisch, ohne dass der/die Betreffende es registriert. So sagte eine Klientin zu mir. „Die Durchblutung meiner Beine ist gestört. Deshalb wollte ich vor dem Urlaub ein wenig abnehmen, damit ich den Flug besser überstehe. Was aber mache ich? Ich nehme zu! Ich weiß, dass es rein rational wichtig für mich ist, ein wenig abzunehmen und ich nehme zu. Ich esse an einem Abend ein Pfund Eis und frage mich danach, warum ich das gemacht habe und fühle mich schlecht.“

Trotzige Menschen sind nicht dumm oder einfältig. Der Trotz möchte Sie – Ihr Ich – vor „Übergriffen“ schützen. Der Trotz entwickelt sich in der Kindheit und hilft und half dem Menschen, sich in schwierigen Zeiten zu behaupten.

Viele meiner Klienten haben trotz eines ungünstigen und nicht unterstützenden Elternhauses eine gute Ausbildung abgeschlossen, konnten aus schwierigen Partnerschaften ausbrechen und sind oft Kämpfer für andere, wenn es um „Unrecht“ geht. Trotzige haben die Devise „jetzt erst recht, schauen wir doch mal, ob die/der Recht hat“.

Wenn Sie nun denken, dass trotzige Menschen leicht zu manipulieren seien, haben Sie wahrscheinlich Recht. Es kommt nur darauf an, wie man mit ihnen spricht.

Wenn Sie zu sich selbst oder einer anderen trotzigen Person sagen: „Das hast du zu machen“ oder „du darfst nur noch dieses oder jenes essen …“, stößt dies auf Widerstand und wird mit allen möglichen Gründen möglichst verhindert oder hinausgezögert. Kein objektiver und vernünftiger Grund ist überzeugend.

Sagen Sie zu sich selbst oder einer trotzigen Person dagegen: „Mal sehen, ob und wie du das hinbekommst, trotz deiner Zeitknappheit oder trotz deiner Unlust und …“, ist dies ein Anreiz für den Trotz, dem er sich nur schwer entziehen kann. Jetzt ist er gefordert und kann sich beweisen. Der Trotz mag keine konkreten Ziele, die nicht aus dem „Trotzdem …“, dem Widerstand entstanden sind.

Probieren Sie es aus! Machen Sie es sich bewusst, wie Sie mit sich selbst sprechen und vermeiden Sie vor allem das Wort „muss“. Sie können dieses „Muss“ getrost durch „werden“ ersetzen. Sie müssen nicht sterben, sondern Sie werden, weil Sie ein Mensch sind, sterben.

Machen Sie sich ein Bild von dem Trotz, zum Beispiel eine Kröte, die man schlucken wird, wenn es etwas zu erreichen gibt und/oder nehmen Sie den Trotz an die Hand. Er ist nicht Ihr innerer Schweinehund, den es zu besiegen gilt. Nein, er ist ein wertvoller Teil von Ihnen, der Ihnen bestimmt schon oft im Leben geholfen hat.

Beschimpfen Sie ihn nicht und vor allem probieren Sie nicht, ihn zu vernichten. Er stellt Ihnen viel Energie und Ausdauer zur Verfügung, wenn Sie „trotz allem“ etwas erreichen wollen. Jede Teilpersönlichkeit – auch der Trotz – möchte Gutes tun und wichtig für das „Ich“ sein.

In Bezug auf das Abnehmen bedeutet das: Seien Sie neugierig. Fragen Sie sich: „Wie kann ich es erreichen, dass ich so schlank werde, wie ich es will?“ Wäre doch gelacht, wenn Sie das nicht schaffen sollten, nur noch zu essen, wenn Sie hungrig sind und dabei alles essen dürfen, was Ihnen schmeckt, oder? Machen Sie sich selbst zum Freund bzw. zur Freundin, denn zu ihr/ihm würden Sie auch nie sagen: „Mach zu, stell dich nicht so an, und nimm endlich ab!“

Warum haben wir diese Teile?

Diese verschiedenen Teile haben nicht das Ziel uns zu zerstören. Ganz im Gegenteil: Sie lieben uns und wollen uns unterstützten, übertreiben aber manchmal dabei.

Ganz gleich wie fies diese sind, ihr Antrieb ist Liebe.

Wie kann man mit jemandem so umgehen und das auch noch Liebe nennen, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Sie haben Recht, es ist eine merkwürdige Art und Weise Gefühle auszudrücken, aber leider nicht

Diese Teile bekommen die Munition aus unseren Glaubenssätzen und Erwartungen und diese wurden oft schon sehr früh in der Kindheit geprägt. (Anmerkung: Glaubensätze haben nichts mit Religion zu tun. Sie erklären uns unsere Welt. So kann ich zum Beispiel glauben, dass es gut ist, fremden Menschen gegenüber offen zu sein oder man kann glauben, dass es besser ist, zurückhaltend zu sein.)

Unsere Eltern und enge Bezugspersonen gaben uns ihre Sicht der Welt weiter. Wir haben schnell aufgehört, an den Weihnachtsmann zu glauben, aber oft glauben wir noch, dass wir zum Beispiel um jeden Preis gefallen müssen, dass die Bedürfnisse von Menschen, die wir lieben, immer wichtiger seien als unsere eigenen und wir uns Liebe und Achtung erarbeiten müssen.